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DAS SAGT DIE PRESSE

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©Schwäbische Post 04.02.2020 / Dagmar Oltersdorf

Alte Musik und neue Töne

Programm
Was das Festival für Alte Musik FAMA in diesem Jahr bietet und was es in der Villa Stützel sonst noch zu hören gibt. Alte Musik, aber auch Crossover, Theater, Performance, sogar Boogie und Pop – das Programm der Villa Stützel für das Jahr 2020 ist so vielfältig wie wohl nie zuvor seit 2012. Seitdem engagieren sich Dr. Ralf Kurek und Dr. Sandra Röddiger und seit einiger Zeit auch der Musikwissenschaftler Dr. Robert Crowe als künstlerischer Leiter dafür, ungewöhnliche Musikprojekte in Aalen zu präsentieren.Herzstück der Veranstaltungsreihe ist jetzt schon in seiner erst zweiten Auflage das FAMA, das Festival für alte Musik geworden. Vom 17. bis zum 20. September lockt es unterschiedliche Musikerinnen und Musiker auf die Ostalb.Beispielsweise auch als Mitwirkende bei einer „modernen“ Welturaufführung, von „Abramo“, einem Oratorium von Pietro Torri. Während des FAMA wird das Werk erstmals seit 290 Jahren wieder zu erleben sein. „Wir sind sehr stolz auf unser Programm“, sagen die Veranstalter zu dem diesjährigen Musikreigen.

Quer durch die Jahrhunderte

„Modern“ geht dieser Reigen los am 15. März mit Medea Bindewald. Die Cembalistin nimmt ihr Publikum mit auf „Schattenreise“. Über vier Jahrhunderte erstreckt sich die Musik, die sie spielt.Mit Leander Brune am Piano gehört am 27. März einem jungen Künstler aus der Region die Bühne. Noch gibt es keinen Termin für die „Musica Sacra“, aber sie wird stattfinden, so die Veranstalter. Ebenso wie am 3. Mai Operntheater unter dem Titel „Napoleon und seine Kastraten“ mit dem Theater L.E.O. aus Wien. Dem kleinsten „noch existierenden“ Operntheater Österreichs“, wie Crowe, selbst männlicher Sopran, erklärt. „Ein witziges Stück“, das für Aalen adaptiert wurde, so Röddiger.Am 5. Juni zieht dann erstmals die „Aalen Boogie Nacht“ mit Claus Wengenmayr und Gästen für eine Nacht in die Villa ein. Die Idee dahinter ist, sich auch für andere Musikrichtungen zu öffnen und zu zeigen „das wir nicht ein einem Elfenbeinturm sitzen“, so Röddiger.Auch der Singer und Songwriter Axel Nagel wird am 4. Juli in der Villa sein Soloprogramm spielen. Zuvor gibt es aber noch richtig was zu feiern: am 21. Juni stellt Robert Crowe seine CD „Velluti – The last operatic castrato“ vor. Velluti habe seiner Zeit als Weltstar gegolten, so der Sänger. Kurz vor der Sommerpause zeigt Hans Roman Kitterer am 10. Juli am Piano „Wege ins Glück“ mit Texten des Dalai Lama. Weiter geht das reguläre Programm am 8. November mit der „Combo CAM“, einem Ensemble mit Schauspielerin und iberoamerikanischen Programm. Das Kammermusikforum ist am 28. November in der Villa zu Gast, bevor am 12. Dezember „Baroque Jam“, eine regionale Barock-Jazz-Crossover-Band, das Kulturjahr der Villa beschließt.

Festival für alte Musik

Zur Eröffnung des FAMAS spielen am 17. September „4 times baroque & Special Guest“. Tags darauf, am 18. September, ist die Sopranistin Giorgia Capello mit dem Programm „Crown the altar“ zu Gast.Barocke Markmusik gibt es ein der Stadtkirche am 19. September mit Julia Gillich-Naroschnaja zu erleben. Am Abend dann „Baroque Wine & Dine“ in der Villa. Am 20. September ist zum Abschluss des FAMA die Welturaufführung des von Robert Crowe bearbeiteten und transkripierten „Abramo“ zu hören.

Karten und Reservierungen unter (07361) 8166777 oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Infos unter www.villa-stuetzel.de

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©Aalener Kulturjournal 13.01.2020 / Herbert Kullmann

 

Von der `metaphysischen Kraft des singenden Lautenisten´ Joel Frederiksen

Das etwas andere Konzert:  "Orpheus I am …"

Etwas mehr als ein Dreitagebart, die Haare länger als derzeit angesagt und ein bisschen Undone-Look. Ein kleiner Versuch, den in München lebenden Amerikaner  Joel Frederiksen vorzustellen. Der Musiker nutzte einen Zwischenstopp in Aalen, um in der Villa seine neue CD "Orpheus I am" zu präsentieren. Wer mehr über die "metaphysische Kraft der singenden Lautenisten" erfahren wollte, war an diesem Abend in der Aalener Villa Stützel am richtigen Platz.

Mit dem Untertitel umschreibt der Künstler selbstbewusst sein Konzert, für das er lediglich eine Laute und seine Stimme benötigt, um mitzunehmen auf eine musikalische Reise durch längst vergangene englische, französische und italienische Epochen. Ein  Stelldichein, das modern durchaus die Überschrift "Ich wollte wie Orpheus singen" tragen könnte.

Wenn der Barde über die Saiten streicht, wenn er melancholisch angehaucht seine Stimme erhebt, kommt, auch angesichts seines lässigen Erscheinungsbild, unwillkürlich der Gedanke an die Minnesänger des frühen Mittelalters auf. Walther von der Vogelweide lässt grüßen. Allerdings mit dem Unterschied, der Troubadour von heute singt kein  "Ich saz ûf eime steine und dahte bein mit beine", sondern von  "Herzeliebe". Die dafür notwendigen Lieder liefern ihm ausschließlich die Dichter des Barocks.

Die Lyra spielend und aus voller Brust singend, spannt Frederiksen inhaltlich den Roten Faden eigentlich von der Antike (animiert von "Orpheus und Euridike")  über das Mittelalter bis in die Neuzeit. Auch wenn seine Liebeslyrik ausschließlich aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammt. Doch die Liebe ist zeitlos und allgegenwärtig, wie rasch zu hören ist. Zu Beginn des  Streifzugs durch die barocke Welt steht Robert Johnsons (1583-1633) "Orpheus I am …". Bereits hier schwant den Zuhörern, die Liebe war, ist und bleibt ein seltsames Spiel. So geraten bei Johnson Frauen tränenreich außer Fassung ("Till women waft them over in their tears"), wenn die Liebe süß wie theatralisch Einzug hält: "Beguilles my heart, I know not why, And yet I love her till I dye - Betöre mein Herz, ich weiß nicht warum, und doch liebe ich, bis ich sterbe." So etwas soll es heute immer noch geben.

Hier wird zeitlose Liebe in poetische Sprache gefasst und lyrisch besungen. Wie sie auch von Thomas Ford und Thomas Campion im 16. Jahrhundert in Noten gesetzt wurde, schwärmerisch begleitet von dem Wunsch, aus Liebe an gebrochenem Herzen zu sterben.

Soweit wollte es der englische Madrigalist und einer der besten Lautenisten des elisabethanischen Zeitalters, John Dowland, nicht kommen lassen, ihm genügte in Vorwegnahme der Romantiker die Suche nach der Blauen Blume: "Tell me true love, where shall I seeke they beeing". Angesichts solch großer Lust auf Liebe könnte man annehmen, andere Länder, andere Sitten. Wobei es wenig überrascht, dass Fredriksen nun auf Frankreich blickt. Beispielsweise zu Pierre Attaingnants aus dem frühen 16. Jahrhundert stammendes "Fortuna, laisse moy la vie, puis que tu m´as osté les bien".

Darin muss glücklicherweise niemand aus Liebe weinen, geschweige denn gleich sterben. Franzosen eben. Nur eines scheint zu zählen: "Amour grand vainqueur des vainqueurs et la beauté reyne des coeurs" (Louis de Rigaud 1623). Zum Abschluss wagt sich Frederiksen noch nach Italien. Was er bei den dortigen Poeten findet, unterscheidet sich wenig von der englischen und französischen Liebeslyrik. "Amor promette gaudio", singt er mit Bartholomeo Tromboncino (1470-1535), um festzustellen, Turteltäubchen kennen weder Zeit noch Raum: "O vagha Tortorella tu la tua compagnia" (Biagio Marini 1596-1665). Zumal Tromboncino verrät, die Liebe verspreche ewige Freude. Da lehnt man sich einfach zufrieden in der Gewissheit zurück: "Orpheus I am".

Das nächste Konzert in der Aalener Villa Stützel findet am 15. März (19 Uhr) mit Medea Bindewald (Cembalo) statt: "Schattenreise".

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©Aalener Nachrichten 07.01.2020 / Gerhard Krehlik

 

Joel Frederiksen besingt die Liebe

Mit Liebesliedern der Renaissancehat der Bassist und Lautenist Joel Frederiksen das Publikum in der Villa Stützel beeindruckt.

Liebeslieder aus der Renaissance hat der amerikanische Bassist und Lautenist Joel Frederiksen am Montagabend in die Villa Stützelmitgebracht. Das Publikumsinteresse war groß, der Salon bis auf den letzten Platz besetzt.

Ach ja, die Liebe (seufz) – kaum ein anderes Thema hat die Menschen seit Anbeginn der Zeit so beschäftigt wie die intensiven Beziehungen der Menschen untereinander. Literaten, Poeten und Komponisten hat sie beflügelt, von den Minnesängern des Mittelalters bis zu den Songwritern unserer Tage.

Die Liedermacher der Renaissance sind der Faszination der Liebe auf besonders romantische Art und Weise erlegen, und Joel Frederiksen, Echo-Klassik-Preisträger 2013, trägt mit seiner Laute und seiner Stimme dazu bei, dass diese Liebeslieder aus dem 16. und 17. Jahrhundert nicht völlig aus unserer Kultur verschwinden.

Bis ans untere Ende der Tonleiter

Er tut das auf beeindruckende Art und Weise. Vor allem seine Bassstimme, mit der er auf der Tonleiter bis an deren Ende hinabsteigt, ruft immer wieder das ungläubige Erstaunen der Zuhörer hervor. Mittels eines breiten dynamischen Spektrums und auch durch seine lebhafte Mimik gelingt es ihm, den unterschiedlichen Stimmungen der Liebenden – von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt – lebhaft und anschaulich nachzuspüren.

Und er macht das sogar in drei Sprachen, zunächst in Englisch mit Songs von Robert Johnson oder John Dowland wie etwa „Orpheus, I am…“ dann auf Altfranzösisch etwa mit Liedern von Nicolas Vallet oder Gabriel Bataille und nach der Pause schließlich singt Frederiksen auch auf Italienisch.

Beeindruckender zweiter Teil

Dieser zweite Teil des Programms ist besonders eindrucksvoll, denn dabei begleitet sich Joel Frederiksen nicht nur mit einer sogenannten „Erzlaute“, auf der zusätzlich zu den Saiten der Laute auch Basssaiten aufgespannt sind, sondern er verblüfft auch durch ausgedehnte, präzise gesungene Coloraturen in Basslage, wie etwa in „Chi mi confort‘ahimé“ oder „Deh chi d’alloro“ von Giulio Caccini. Und die Zuhörer lernen, dass die Italiener schon in der Renaissance mit der Liebe und vor allem mit dem Liebeskummer ein wenig lockerer umgegangen sind als andere. „Sie liebt mich nicht…“ heißt es etwa in „Armilla ingrata“ von Andrea Falconieri, „… also schau ich mich nach einer anderen um!“

Als besonderen Service für die Zuhörer gab es in der Villa Stützel alle Liedtexte auch zum Mitlesen. Der begeisterte Beifall der Besucher wurde am Schluss mit zwei Zugaben belohnt, zunächst mit einer eigenen Version von Joel Frederiksen über „Scarborough fair“ und dann noch mit einem lustigen englischen Trink-lied, in dem es am Schluss heißt: „…better drunken than dead“. Genau!

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©Schwäbische Post 07.01.2020 / Beate Krannich

 

Fast wie Orpheus mit der Lyra

Solokonzert Der Bassist und Lautenist Joel Frederiksen überzeugt in der Aalener Villa Stützel. Was dabei an Orpheus erinnert.
 
Das klingt nicht gerade bescheiden. „Orpheus I am“ hat der Bassist und Lautenist Joel Frederiksen sein Programm überschrieben. Nach dem berühmten Sänger aus der griechischen Mythologie, von dem gesagt wird, dass er mit seinem Gesang Menschen, Tiere und sogar die Götter verzaubern konnte.

Ein schöner und durchaus stimmiger Vergleich. Auch der singende Lautenist Frederiksen zieht die Zuhörer in seinen Bann. Mit dem Auftritt in der voll besetzten Villa Stützel eröffnete er die Konzertsaison 2020.

Der Amerikaner, der jetzt in München lebt und international gefragt ist, hat Lieder aus der Renaissance und frühen Barockzeit dabei. Mit seiner wohlklingenden Bassstimme klagt er über unerwiderte Liebe und singt wiederum innig vom Glück derselben. Das Besondere: Der Sänger begleitet sich selbst auf der Renaissancelaute wie einst Orpheus auf der antiken Lyra.

„Orpheus I am“ von Robert Johnson eröffnet den Abend. Mit „Can she excuse my wrong“ und „Tell me true love“ erklingen Lieder von John Dowland, der auch als „englischer Orpheus“ bezeichnet wird.

Frederiksen ist mehrsprachig unterwegs. Augenzwinkernd interpretiert der Echo Klassik-Preisträger von 2013 „Qui veut chasser une migraine“, ein fröhliches Trinklied in altfranzösischer Sprache. Und wechselt dann leichtfüßig ins Italienische mit „A quand’haveva“ von Adrian Willaert. Inbrünstig und schmeichelnd singt er vom Vergnügen, die schöne Nachbarin zu küssen.

Richtig virtuos wird es mit den Kunstliedern des frühbarocken italienischen Komponisten Giulio Caccini. Gleichsam Opernarien, leidenschaftlich interpretiert von Frederiksen, dem hier ein Stimmumfang von mehr als zwei Oktaven abverlangt wird. Rasant bewegt er sich durch Höhen und Tiefen und glänzt mit brillanten Koloraturen. Dazu begleitet er auf der größeren Erzlaute, die mit ihren frei schwingenden Basssaiten der Theorbe ähnelt.

Mit einer berührenden Ballade und einem heiteren Trinklied verabschiedet sich „Orpheus“ von seinem begeisterten Publikum.

Im nächsten Konzert am Sonntag, 15. März, abends um 19 Uhr in der Villa Stützel begibt sich die Cembalistin Medea Bindewald auf „Schattenreise“.

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© Aalener Kulturjournal 22.11.2019 / Herbert Kullmann  

 

Villa Stützel: Geistliche Lieder über die Liebe

Someone Like You

Ein kleines Konzert in kammermusikalischem Ambiente? Nicht leicht dafür einen passenden Ort mit Stil und kultivierter Atmosphäre zu finden. Stadthalle, Vereinsheim, Gemeindehaus? O Graus, o Graus. Da können sich die Aalener doch glücklich schätzen, haben sie doch in der alten Villa Stützel genau solch einen Hort weltlicher Abstinenz. Alles Profane bleibt außen vor. Der Lärm, die Rastlosigkeit, die Zeit. Selbst das triste Novemberwetter. Kontemplation pur angesichts des samtenen Sofas im kleinen Salon. Hier treffen sich die Besucher, in der Villa Stützel sind es Gäste, zum Plausch, hier werden Gedanken über Gott und die Welt und selbstverständlich über Musik ausgetauscht und hier beginnt die Vorfreude auf den Musikabend.

Geistliche Musik steht auf dem Programm: "In lectulo per noctes". Nicht alle Anwesenden sind Lateiner, weshalb der Gmünder Musik-Professor Dr. Hermann Ullrich zur Nachhilfe schreitet, um dieses "Abends im Bett" in den richtigen zeitlichen wie inhaltlichen Zusammenhang zu stellen. Vom "In lectulo meo per noctes quaesivi quem diligit anima mea quaesivi illum et non inveni" ist obige Kurzfassung abgeleitet und als solches ein Zitat aus dem "Hohelied des Salomons" (Altes Testament, Hoheslied, Kapitel 3, Vers 1).

Übersetzt kommt dabei der schöne Satz "Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht" zum Tragen. "Es geht um das Verhältnis  zweier Liebenden wie es das Alte Testament beschreibt", so der Professor. Texte aus Salomonis Hohelied sollen dabei im Mittelpunkt stehen, in denen es immer wieder aufs Neue  um die Liebe von Menschen zueinander und der Liebe von Gott zu den Menschen gehe. In Zeiten leerer Kirchen und eines ebensolchen Atheismus, könnte solch eine Musik doch tatsächlich zur Herausforderung werden, zumal Prof. Ullrich wunderschöne Musikstücke verspricht, die mit großer Geschicklichkeit durchkomponiert seien, "mit viel Überlegung und noch mehr Feingefühl".

Vier Musikanten spielen als "Ensemble Dulcisonantes" auf:  Angelika Radowitz, Wolfgang

Zahn und Markus Bartholome (Tenor- und Bassdulcian, Blockflöte), hinzu gesellt sich noch Michael Eberth mit seiner Orgel. Eine Truhenorgel. "Kein Harmonium" verdeutlicht der Organist mit einem Fingerzeig ins Innenleben des Instrumentes. Lauter kleine hölzerne Orgelpfeifen recken sich hier nach oben, auf den Wind wartend, der indes - moderne Zeiten eben - von einem elektrischen Gebläse kommt. Dies nur nebenbei.

Der Name des Ensembles sei Programm, erklärt Prof. Ullrich, werde doch dieses getragen von der `dulcedo´, einer alten Begrifflichkeit, die für die Süße des Klanges stehe. Bekanntermaßen für jedwede Liebe existenziell! Erinnert sei an  Dulcinea del Toboso, die imaginären Geliebten Don Quijotes.  Miguel de Cervantes lässt grüßen, seine Abenteuer haben indes nichts mit dem Konzert zu tun!

Ein Anonymus aus dem 17. Jahrhundert steuert stattdessen ein erstes Lied zum Thema bei: "Tota pulchra es amica mea", was in etwa mit "Alle sind schön, meine Liebe" übersetzt werden kann. Drei Dulciane spielen auf, Holzblasinstrumente, die in der Renaissance Hochkonjunktur hatten und mit ihrer satten, warmen Stimme - laut Michael Praetorius - der Verstärkung der Basslinie zu dienen haben. Beim Konzert hoch drei und mit einem bemerkenswert schönen vollen Klang. Sopran und Altus spendieren im nachfolgenden "O quam suavis" (Francesco Cavalli) beziehungsweise im "Cantabo Domino" (Alessandro Grandi) allerdings das ersehnte Sahnehäubchen. Den Liedtexten zu folgen, grenzt jedoch an eine Herkulesaufgabe, auch wenn die Texte das A und O in dieser geistlichen Musik sind. "Es ist uns bewusst, dass die Musik von der Sprache lebt - von den tiefgründigen Texten, die innige Liebe ebenso thematisieren wie grausame Peinigung."

An diesem Abend scheint es nur wenige zu geben, die ihren Lateinunterricht noch in guter Erinnerung haben. Die anderen wenden sich schlicht schönen Klängen zu, lauschen der kleinen Hausorgel, dem Miteinander dreier Dulciane und eben dieser zwei besonderen Stimmen. Sopranist Robert Crowe ist den Villa-Stützel-Gästen von zahlreichen Auftritten her längst gut bekannt, Andreas Pehl erweist sich aber ebenso als Interpret barocker Altpartien als ideale Besetzung.

Mit ihren hohen Stimmen würden die beiden Sänger Salomonis Liebesfreud und Liebesleid trefflich umschreiben, meint der Musikprofessor. Allerdings will er noch  einem möglichen Irrtum bezüglich der Holzblasinstrumente vorbeugen: "Trotz der Süßigkeit, die die selten zu hörenden Dulciane im Namen tragen: `Süß klingend´ ist alles andere als "süßlich´ klingend, denn das gewählte historische Zeitfenster ist keineswegs süß." 

Gemeint sind die Jahre des  Dreißigjähriger Kriegs (1618 - 1648), der vorwiegend auf dem Gebiet des damaligen `Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation´ ausgetragen wurde. Eine epische Katastrophe, die in ihrem Schrecken und ihrer Brutalität unsägliches Leid durch Mord, Plünderung, Hungersnot und Seuchen mit sich brachte. Manche Landstriche waren hernach zu fast zwei Drittel  entvölkert. Angesichts dieses Leids, solch schöne Musik? Unfassbar.

Ein einzigartiges Musikdokument aus dem Jahr 1623, jüngst bei Bopfingen entdeckt, beschreibe mit den Worten "Angst, Not, Jammer, Trübsal, große Teuerung und grausame Pestilenz" - das drei Jahrzehnte währende Unheil, das 1634 im Zuge der Schlacht bei Nördlingen auch über die hiesige Region gekommen sei. Für Prof. Ullrich resultiert daraus die unstillbare Sehnsucht nach Frieden. Dessen Fundament Glaube, Hoffnung, Liebe sei.

Robert Crowe

Damit kommt er zum Anfang des Konzerts zurück: "Keimzelle ist die Liebe zweier Liebenden, wie sie das Hohelied Salomonis zu Ausdruck bringt." Die drei ersten Lieder geben die Richtung vor, Ordensschwester Claudia Francesca Rusca führt sie in ihrem "Veni in hortum meum - Ich bin in den Garten gekommen, meine liebe Braut" - gesungen von Robert Crowe und Andreas Pehl, begleitet von der Orgel - zusammen. Robert Crowe stellt in "A Divine Song of the Passion of our Saviour" hernach wie zum Vergleich die Verspottung und Kreuzigung Jesu gegenüber, als Zeugnis der Liebe Christi zu den Menschen. Ein Lied, das von dem Sopranisten erstmals eingespielt wurde. Eine Uraufführung sozusagen.

Wer gerade noch seine mangelnden Lateinkenntnisse bedauerte, erfährt Trost von Prof. Ullrich. "Wir müssen die Worte des heutigen Abends nicht verstehen, um ihren Sinn zu

begreifen, denn die Musik  des frühen Barock wurde von Heinrich Schütz und seinen Zeitgenossen so geschaffen, dass sie durch ihre Affekte für sich selber spricht." Auch dank des virtuosen wie souveränen Umgangs der sechs Künstler mit diesen Kompositionen. Nur so gelingt ihnen dieser brillante, einfühlsame und zugleich ausdrucksstarke Vortrag.

Im zweiten Teil des Konzerts finden sich erneut viele kleine musikalische Schätze wie Giovanni Gabrielis sechsstimmiges "Alleluia" wieder, das aus einer Turiner Orgeltabulatur (16. Jahrhundert) stammt. Tabulaturen seien so etwas wie eine musikalische Kurzschrift einer Partitur, die seit dem Buxheimer Orgelbuch (1470) immer wieder zu finden sei, erklärt der Musikprofessor. Um 1500 war sie in Italien und Spanien en vogue und aus der Zeit der Renaissance findet sich entsprechende Literatur noch heute im benachbarten Kloster Neresheim.

Wie ein roter Faden durchzieht das Thema Liebe das kleine Konzert. Geschickt zwischen den zahlreichen Instrumentalstücken platziert, beharrt sie auf ihre heilende Kraft. "Was hast Du verwirket, dass Du also verurteilt wurdest? Ich, ich bin die Ursach Deiner Plagen", formuliert Heinrich Schütz den karfreitäglichen Mit-Leids-Gedanken. Den auch Klosterfrau Rusca in ihrem neuerlichen Rückgriff auf Salomonis "Hohelied" aufgreift: "Surge amica mea - Stehe auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her!"

Der Liederreigen schlägt einen weiten Bogen durch 200 Jahre, immer auf der Suche nach der Liebe. Nach der zeitlosen und immerwährenden, mit der aktuelle Liedzeilen sicherlich nicht aufwarten können. Die beiden Sänger und ihre Musici finden sie jedoch in den Liedern des Barocks, so bei  Heinrich Schütz´ abschließendem: "Invenerunt me custodes civitatis - Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umgehen: Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?"

INFO

Das nächste Konzert in der Villa Stützel mit Joel Frederiksen (Bass, Renaissance Laute, Erzlaute) findet am 6. Januar 2020 statt.

Musikalisches Thema: "Orpheus I am …" - Die metaphysische Kraft der singenden Lautenisten

 

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© Aalener Nachrichten 16.11.2019 

Ungewöhnliches geistliches Konzert in der Villa Stützel

 

GERHARD KREHLIK

 

Zu einem gleich in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlichen Konzert haben Sandra Röddiger und Ralf Kurek am Freitagabend in die Villa Stützel eingeladen. Auf dem Programm unter dem Motto „In lectulo per noctes“, auf Deutsch: „Des nachts auf meinem Lager…“ aus dem Hohen Lied des König Salomo standen eher selten zu hörende geistliche Werke aus dem 17. Jahrhundert.

Die Singstimmen in Alt – und Sopranlage sangen die beiden Countertenöre Andreas Pehl und Robert Crowe der auch als künstlerischer Leiter des Kulturprogramms in der Villa Stützel fungiert. Begleitet wurden Pehl und Crowe vom Augsburger Ensemble „Dulcisonantes“ mit Markus Bartholome, Wolfgang Zahn, Angelika Radowitz und Michael Ebert an einer Truhenorgel.

Gespielt wurde auf Blockflöte und Dulzian in Tenor und Basslage. Der Dulzian ist aus dem klassischen Musikbetrieb heute längst verschwunden, beziehungsweise vom Fagott abgelöst. Er produziert jenen typischen, ein wenig schnarrenden „Mittelalterklang“, der eigentlich zur Renaissance gehört.

Hermann Ulrich, Professor an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, erläuterte die Intention des Programms. In den Liedtexten von Francesco Cavalli, der Ordensfrau Claudia Francesca Rusca, Alessandro Grandi, Heinrich Schütz und weiterer anonymer Komponisten geht es um die Liebe und deren zuweilen bittere Süße.

Die überwiegend lateinischen, aber auch englischen und deutschen Texte besingen dabei nicht nur um die Liebe zwischen den Menschen, sondern auch die Liebe zwischen Gott und den Menschen. Das ist umso erstaunlicher, da die meisten Texte in der dunkelsten und grausamsten Epoche des 17. Jahrhunderts, dem 30 jährigen Krieg, entstanden sind, so Ulrich.

Das Konzert wurde weitgehend von Robert Crowe, dem international renommierten und gerade in den USA mit dem „Noah – Greenberg – Award“ ausgezeichneten Counter Tenor geprägt. Er sang etwa in „A divine song on the passion of our Saviour“ aus einer anonymen Quelle mit eindrucksvoller, emotionaler Gestaltung. Klagend, verzweifelt, leidend, beschwörend und seufzend, interpretierte er die ganze Palette der Gefühle eines liebenden Menschen. Dabei forcierte er kraftvoll auch in hoher Lage und sang in markantem Kontrast dazu süß und lieblich in den zärtlichen Passagen. In den Duetten, wie etwa in „Veni in hortum meum“ von Claudia Rusca harmonierten Crowe und Pehl mit perfekter Intonation und homogener Agogik.

Als Zuhörer musste man sich natürlich einlassen auf diese ungewöhnliche Kombination von hohen Männerstimmen und der instrumentalen Begleitung mit einem Klang aus fernen, vergangenen Zeiten. In den Instrumentalwerken ohne Gesang, wie etwa „Alleluja, quando iam emersit“ aus der Feder des Venezianers Giovanni Gabrieli überzeugte das Ensemble Dulcisonantes durch technisch souveräne und sensibel untereinander abgestimmte Interpretationen.

 

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© Schwäbische Post 16.11.2019 19:13 

Geistliche Klänge und Erotik-Poesie

Die drei Dulciane in der Villa Stützel. Fotos: BW

„In lectulo per noctes“, das Zitat aus dem Hohelied, das die Musikerinnen und Musiker in der Aalener Villa Stützel für ihr Konzert gewählt hatten, verhieß geistliche Klänge und hocherotische Poesie zugleich. Ein „durchkomponiertes Programm“ aus dem Frühbarock versprach der Musikwissenschaftler Prof. Hermann Ullrich in seiner Einführung.

Tatsächlich waren die Worte aus dem Hohelied und die Kompositionen aus dem 17. Jahrhundert rational und emotional innigst verwoben. Wie aber passen die Erfahrungen äußerster Drangsal im Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges zu Liebeslyrik und sinnenfreudiger Musik? Wohl gerade wegen der Sehnsucht nach Frieden, Glück in der Beziehung zweier Liebender und letztendlich in der Beziehung zu Gott.

„Schön bist du, meine Freundin“ (Tota pulchra es, amica mea) intonierten die drei Dulziane (Markus Bartholome, Wolfgang Zahn und Angelika Radowitz) des Ensemble Dulcisonantes. Ungewohnt waren die raumgreifenden Blasinstrumente, ungewohnt die Harmonik des Anonymus und gerade deshalb passend als Einstimmung in ein ungewöhnliches Konzert.

Keinerlei Gewöhnung brauchte man hingegen für die wunderbare Stimme des Altus Andreas Pehl. Im Lobgesang auf die Himmelskönigin („O quam suavis“) malte er glasklare Koloraturen in bester Artikulation.

„Ich kam in meinen Garten“ (Veni in hortum meum) besang Robert Crowe zusammen mit seinem Altuspartner. Besonders in den Parallelführungen entfaltete sich die Klanggröße beider Stimmen. In der Komposition der Klosterfrau Claudia Francesca Rusca imitierte Crowe die Fülle des Gartens durch immer neue originelle lautmalerische Elemente. Dramatisch-sinnlicher Gesang und pure Instrumentalstücke standen in der Programmkomposition in stetem Wechsel.

In der Sonata seconda des Italieners Dario Castello brillierte der virtuos aufspielende Flötist Bartholome. Michael Eberth spielte nicht nur einen akkuraten Basso continuo, in der Toccata octavi toni eines weiteren Anonymus bestach sein Mut, Passagen moderat anzugehen und Akkordisches filigran zu umspielen.

Das Schlusswort hatte Heinrich Schütz. Versöhnlich musizierten alle sechs Musiker die finale Verbindung der liebenden Seelen und zitierten in der Zugabe noch einmal den Titel des Konzerts.

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© Gmünder Tagespost 13.05.2019 15:36

Ergreifende Musik von Strozzi

Konzert Zuhörer erleben einen ergreifenden Abend mit Sandra Röddiger, Robert Crowe und dem Ensemble „Lux et Umbrae“.
 

Wer ist Barbara Strozzi und wie klingt ihre Musik? Zum 400. Mal jährt sich der Geburtstag der venezianischen Sängerin und Komponistin – weitgehend unbemerkt von der kulturellen Öffentlichkeit.

Ein Konzert in der Aalener Villa Stützel widmete sich dem Schaffen dieser außergewöhnlichen Frau, deren Werke erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt wurden. Es ist die erste Eigenproduktion der Villa Stützel, die sich seit 2014 zum Mekka für Liebhaber der Alten Musik in der Region entwickelt hat. Auf dem Programm stehen weltliche Arien, Kantaten und Duette von Barbara Strozzi, die um das Thema „Liebe“ kreisen, sowie Instrumentalmusik aus dieser Zeit.

An diesem Abend ist Hausherrin Sandra Röddiger als versierte Sopranistin zu erleben, im Duett mit Robert Crowe und solistisch. Wunderschön ergreifend gesungen die Arie „Che si puó fare?“ über absteigender Basslinie. Die Motette „Salve sancta caro Dei“, eines der wenigen geistlichen Stücke Strozzis, beeindruckt durch aufregende, effektvoll komponierte Rezitative, die Röddiger locker und gewandt interpretiert.

Robert Crowe fasziniert

Der Sänger Robert Crowe ist in Aalen kein Unbekannter und doch immer wieder für Überraschungen gut. Faszinierend, wie er Liebe, Schmerz und Verzweiflung, die Palette menschlicher Gefühle, hörbar werden lässt. „Il lamento“, die Klage um einen Geliebten, ist nicht zu überbieten an Dramatik.

Als männlicher Sopran verfügt Crowe über einen enormen Tonumfang. Im schnellen Wechsel der Affekte bewegt er sich virtuos durch die Lagen in der Cantata „Hor che Apollo“: geheimnisvoll beschwörend in der Tiefe, wild aufbrausend in stimmliche Höhen hinauf.

Das Ensemble „Lux et Umbrae“ fungiert nicht nur als kongenialer Begleiter, die drei Musiker sind auch allesamt brillante Solisten: Shen-ju Chang auf der Viola da gamba und Joachim Enders am Cembalo. Ebenso Sigrun Richter. Die Lautenistin war schon öfter zu Gast in Aalen, aber die Laute mit dem überlangen Hals und den frei schwingenden Basssaiten, genannt Arciliuto, hat sie zum ersten Mal dabei.

Ralf Kurek führt durchs Programm und zeichnet das Leben Barbara Strozzis nach. Die „Singer-Songwriterin des 17. Jahrhunderts“ wurde 58 Jahre alt und starb 1677 in Padua.

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14.02.2019 (c) Aalener Kulturjournal

Ensemble "Les Abbagliatis" musiziert in der Villa Stützel
Darüber hätte sich auch der Heilige Valentin gefreut

Eine Hoch auf den Valentinstag gab es in der Villa Stützel. Dabei drehte sich alles um die Liebe! Musikalisch versteht sich. Und weil das eine solch verlockende Angelegenheit ist, waren nahezu alle Plätze im Salon belegt. Überwiegend von Pärchen jedweden Alters, die sich von musikalischer Liebeslyrik inspirieren lassen wollten. Die Liebe lässt eben niemanden los. Musiker aller Zeiten sorgten für entsprechende Hymnen. Erinnert sei an Schuberts "Selig durch die Liebe" und an Samuel Bächlis Bach-Kantaten-Oper "Triumph der Liebe".

Genauso überschrieb das belgische Ensemble "Les Abbagliati" seine italienischen, französischen, deutschen und spanischen Ständchen, die inhaltlich wie melodisch nicht so weit von Percy Sledges "When a Man loves a Woman" und Sinead O’Connors "Nothing Compares" entfernt sind. Von Alannah Myles legendärem "Black Velvet" ganz zu schweigen. Alles ist möglich, mag doch der Heilige Valentin an seinem Ehrentag nicht nur Blumen.

Blumen gibt es bei der kleinen Soirée im Salon der Villa selbstredend auch, als bunter Tulpenstrauß in der Vase.

 

Wichtiger freilich, die anmutige  Musik, dem Barock entnommen, von den Musikern und ihrer Sopranistin zeitenthoben und mit Hingabe interpretiert. Kleine Einschränkung: Sopranistin Soetkin Elbers tritt im barocken Gewand vor das Publikum, verlebendigt durch Mimik und Gestik das Lebensgefühl des 17. und 18. Jahrhunderts.

Das Cembalo spielt auf, gefolgt vom Cello. Elbers singt Vivaldis  "Amor hai vinto" - "Du hast die Liebe gewonnen" (RV 683). Im Salon wird es ganz still und auch bei Francois Couperins sechs kleinen Tänzchen lauschen die Gäste konzentriert der schönen Musik.

Dann erneut Vivaldi: vom "Zittern im Arm" (RV 799). Auch ein Liebeslied, denn Zittern in den Armen und Tränen in den Augen waren einst Zeichen der Liebe, sozusagen das "Candle In The Wind" des Barock. Modernes gab es vor 400 Jahren ebenfalls: In Montéclairs Kantate "Le dépit généreux" erkennt eine betrogene Frau, wie glücklich und frei sie ohne Mann sein kann.

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(c) Aalener Kulturjournal 3.12.2018

"4 Times Baroque" stellen in der Villa Stützel ihr neues Programm vor
Bach versus Telemann? Ziemlich beste Freunde! 

 

"Advent, Advent, ein Lichtlein brennt!" oder wie wäre es mit "Alle Jahre wieder" und "Es wird scho glei dumpa"? Adventszeit ist Musikzeit. Konzerte füllen die Wochenenden und überall spielt mehr oder weniger die gleiche Musik. Schön, aber darf es auch mehr sein? In der Aalener Villa Stützel schon, denn hier ergänzten sich gleich drei Dinge auf ideale Weise: bezaubernde Musik, exquisite Musiker und ein aufmerksames Publikum. Ein Adventskonzert brachte sie zusammen, indes erinnerte die Musik wenig an traditionelle adventliche Weisen. Dafür standen Kompositionen von Meister Bach und Freund Telemann auf dem Programm. Herausfordernd gar mit "Bach versus Telemann" überschrieben. Zur Beruhigung - kein Schlagabtausch in welcher Art auch immer, dafür aber ein Miteinander vom Feinsten, ein musikalischer Austausch, der aufhorchen lässt, weil er die Grenzen zwischen den beiden Komponisten verwischt und zugleich aufzeigt. Vielversprechendes Hochbarock.

Dazu bittet das Ensemble "4 Times Baroque", vier junge Musiker, die zu aller Überraschung und zum Auftakt das Nonplusultra Bachscher Schaffenskraft anstimmen, die "Kunst der Fuge", genauer den "Contrapunctus 9 alla Duodecima". Hochtemperierte Musik, bei der manch gestandener Musiker noch immer feuchte Hände bekommt. Zurecht, wie Alban Berg bereits 1928 betonte: "Gestern Kunst der Fuge gehört. Herrlich!! Ein Werk, das bisher für Mathematik gehalten wurde. Tiefste Musik!" Folgerichtig macht sich auch im Salon der Villa Stützel Begeisterung breit, denn die vier Frankfurter zelebrieren dieses barocke Hochamt höchst feinsinnig, zugleich aber auch virtuos wie eingängig. Die Fuge sei im Ganzen Ruhe, Gebautheit, Schichtung, - nicht atemlose Entdeckung einer Wahrheit, sondern wie sorgfältige die Auslegung eines Dogmas, beschrieb Ernst Bloch, als ob er gerade das Spiel dieses Quartetts gehört hätte.

Hörvergnügen pur!

Bescheiden stehen die Musiker auf der kleinen Bühne der Villa, musizieren, plaudern, erklären. Blockflötist Jan Nigges ist Meisterschüler von Michael Schneider, dem Frankfurter Großmeister der Alten Musik. An der Barockgeige brilliert Jonas Zschenderlein, das Barockcello streicht Karl Simko und Alexander von Heißen sitzt am Cembalo.  Sie sind "4 Times Baroque“, und der Name verspricht pures Hörvergnügen! Entspannt spielen sich die Musiker durch die Kompositionen, begeistern mit ihrer Leidenschaft, mit jenem Ausdruck und Klang, der barocker Tradition ganz nahe kommt.

Keine Selbstverständlichkeit, aber ein sinnlicher Genuss  für die Zuhörer, denen Bach und Telemann tänzerisch, distanziert oder auch einnehmend entgegenkommen, gewiss aber immer

artifiziell. Ein wenig bevorzugt wird indes Telemann. "Weil er Frankfurter war, wie wir es sind", begründet Nigges schmunzelnd, um ohne weitere Worte zu Georg Philipp Telemanns "Trisonate a-Moll" zu wechseln, der er später noch Bachs "Trisonate g-Moll" zur Seite stellt. Ein schöner Hörvergleich, der zugleich den  Zeitgeist des Barocks spiegelt. Alle kompositorischen Unterschiede mit eingeschlossen, Nigges hebt hierbei Telemanns Vorliebe für charmant klingende Anhängsel im Stile eines polnischen Tanzes hervor.

Den notwendigen kammermusikalischen Spannungsbogen des kleinen Konzerts ist nicht zuletzt den Soloeinlagen geschuldet, unter anderem bei Telemanns Fantasien, bei denen zunächst die Blockflöte  geheimnisvoll bedächtig klingend, ein überraschend zartes "Largo" anstimmt (TWV 40:4), graziös im "Presto" an das Cembalo übergibt, um nachfolgend ein verträumtes "Adagio" (TWV33:2) daraus zu entfalten.

Ein Konzert voller i-Tüpfelchen

Eine wunderbare Soirée voll musikalischer Delikatessen bahnt sich an, die indes nicht nur zwischen Leipzig und Frankfurt pendelt, sondern auch zum Exkurs nach Paris einlädt. Kompositorisch begab sich Telemann mit seiner "Nouveaux Quatuors" 1738 in französische Gefilde, um das Musikerleben an der Seine nachzuempfinden. Sechs elegante Sätze enstanden dabei, vom Quartett traumhaft schön wiedergegeben. Einfach "merveilleux"! Wie übrigens Jonas Zschenderleins überaus bemerkenswerte Violine-Interpretation des "Prestos" aus der Bachschen "Sonate Nr. 1"  (BWV 1001), dem die "g-Moll Trisonate" folgt. Einst vom Thomaskantor in d-Moll für drei autonome Orgelstimmen bestimmt (BWV 527), von Michael Schneider neu bearbeitet und so dem Ensemble "4 Times Baroque" wie auf den Leib geschrieben.  "Andante - Adagio e dolce - Vivace", mehr Musik geht wirklich nicht!

Ein Irrtum wie sich schnell herausstellt, denn das Quartett steuert mit einer Telemann Trisonate (TWV 42:a4) noch ein weiteres i-Tüpfelchen bei.

Leider war "Bach versus Telemann" bereits das letzte Konzert in der Villa Stützel. Für dieses Jahr wohlgemerkt. Da ist eine musikalische Zugabe selbstredend unumgänglich. Eine richtig adventliche allemal! "4 Times Baroque" stimmen folglich ein englisches Weihnachtslied an: "We Wish You a Merry Christmas". Keine Pop-Art welcher Couleur auch immer, sondern ganz der melodischen Tradition des 16. Jahrhunderts verpflichtet. Amüsant wie temperamentvoll versteht sich. Barock eben.

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© Schwäbische Post 03.12.2018 17:02

Hochtemperierte Klänge aus dem Barockzeitalter
Adventskonzert In der Aalener Villa Stützel zaubern „4 Times Baroque“ einen kammermusikalischen Abend

 

Keine altgewohnten Weisen, sondern Kompositionen von Meister Bach und Freund Telemann. Zum musikalischen Hochbarock bittet „4 Times Baroque“, vier junge Musiker, die zum Auftakt die „Kunst der Fuge“ anstimmen, genauer den „Contrapunctus 9 alla Duodecima“.Hochtemperierte Musik, bei der manch gestandener Musiker feuchte Hände bekommt. Zurecht, wie schon Alban Berg weiß: „Gestern Kunst der Fuge gehört. Herrlich! Tiefste Musik!“Begeisterung macht sich breit im Salon, denn die vier Frankfurter zelebrieren dieses barocke Hochamt virtuos und feinsinnig. Pures Hörvergnügen!Entspannt spielen sich Jan Nigges (Blockflöte), Karl Simko (Barockcello), Jonas Zschenderlein (Barockgeige) und Alexander von Heißen (Cembalo) durch die anspruchsvollen Kompositionen, begeistern mit ihrer Leidenschaft für Ausdruck und Klang, mit ihrer artifiziellen Art zu musizieren.Beredtes Beispiel Georg Philipp Telemanns „Trisonate a-Moll“, zu der sich Bachs „Trisonate g-Moll“ gesellt. Ein schöner den Zeitgeist des Barocks spiegelnder Hörvergleich. Trotz der Verschiedenheit der Komponisten.Den kammermusikalischen Spannungsbogen sichern unter anderem Telemanns Fantasien, bei denen die Blockflöte, bedächtig klingend, ein überraschend zartes „Largo“ anstimmt (TWV 40:4), charmant im „Presto“ an das Cembalo übergibt, um daraus ein verträumtes „Adagio“ (TWV 33:2) zu entfalten.Eine Soirée voller Delikatessen, wie der Exkurs an die Seine zu Telemanns „Nouveaux Quatuors“. Sechs elegante Sätze, traumhaft schön intoniert.Das gilt auch für Zschenderleins bemerkenswerte Interpretation des „Presto“ aus der Bachschen „Sonate Nr. 1“ (BWV 1001), dem die „g-Moll Trisonate“ folgt, einst vom Thomaskantor in d-Moll für drei autonome Orgelstimmen ersonnen (BWV 527). „4 Times Baroque“ schöpfen genussvoll ein Neuarrangement aus.Mehr Musik geht nicht? Ein Irrtum, denn mit Telemanns Trisonate (TWV 42:a4) folgt noch ein i-Tüpfelchen. Nicht zu vergessen die adventliche Zugabe: „We Wish You a Merry Christmas“. Zu modern? Keineswegs! Wird doch das Lied im barocken Stil amüsant wie temperamentvoll interpretiert.

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© Schwäbische Post 07.01.2019 19:40

Mit früher Musik auf einem guten Weg
Konzert Das Ensemble Viatoribus und die Sopranistin Mirjam Striegel in der Villa Stützel.

Renaissance und frühes Barock pur gab es in feiner Darbietung am Sonntagabend in der Villa Stützel: Das Ensemble Viatoribus und die Sopranistin Mirjam Striegel geleiteten ein feinsinniges Publikum ins neue Jahr.

Vorgestellt wurden über 14 Werke und Werklein aus einer Sammlung geistlicher Musik, das 1622 für den fürstlichen Hof in Saarbrücken zusammengestellt und gedruckt wurde. Motetten für eine oder zwei Gesangsstimmen, Instrumentales, von verschiedenen Komponisten unterschiedlicher Berühmtheit. Die meisten Stücke auf der Schwelle von der Renaissance zum frühen Barock, manche karg und für das innere Ohr bestimmt, manches schon lebensfroh und voller dezenten, musikalischen Zierrats.

Claudio Monteverdi war zu hören und einiges von Giovanni Battista Cesena, Rudolpho di Lasso, Gregor Aichinger. Durch das Programm führte mit musikwissenschaftlicher Expertise Katharina Haun.

Frühe Musik pur und beste Vorlage für das vierköpfige Ensemble, seine Fähigkeit zu Gehör zu bringen: filigranes Spiel, zurückhaltender, ins Ensemblespiel eingebrachter Gesang. Mirjam Striegel gestaltete ihre Beiträge mit lieblicher Einfachheit und stimmlicher Schönheit, besonders in den Mezzolagen. John Martling ließ die Theorbe unspektakulär erblühen und übte sich in bassigem Gesang, Philipp Boyle ergänzte mit wohlklingenden Phrasen seiner historischen Posaune. Grandios Katharina Haun mit dem geschmeidig perfektionierten Zink und dienstbaren Blockflöten. Insgesamt ließ das junge Ensemble seinen Namen verstehen: Viatoribus, die auf dem Weg befindlichen – und dass es auf einem guten solchen weit vorangeschritten ist.

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grychtolik

Die Schwäbische Zeitung berichtet von dem Konzerterlebnis mit Aleksandra und Alexander Grychtolik:

https://www.schwaebische.de/landkreis/ostalbkreis/aalen_artikel,-aleksandra-und-alexander-_arid,10823252.html,-aleksandra-und-alexander-_arid,10823252.html

 

Und hier noch ein toller Bericht vom Aalener Kulturjournal:

https://www.aalener-kulturjournal.de/theater-musik-kunst/villa-stützel-due-cembalistartseite/

 

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© Schwäbische Post 04.10.2017 19:53

Cembalomusik in der Villa Stützel

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Konzert Der junge französische Musiker Jean Rondeau gastierte am Tag der Deutschen Einheit in der Villa Stützel in Aalen. Am neuen zweimanualigen Cembalo interpretierte er die bekannten Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach.

Foto: Peter Hageneder